Besonderheiten in Deesdorf

Franz Grohmann - Eine Tour nach Deesdorf (1996)

Der Autor hat es oft vorgezogen von Wegeleben aus, den Nachbarort per Fahrrad auf der Landstraße oder auf den Wegen durch die Bodeaue wandernd zu besuchen. Bei dieser Beschreibung wird davon ausgegangen, daß der Rundgang am Ortsrand beginnt, zumal sich ganz in der Nähe die Bushaltestelle befindet.

Wer sich Deesdorf auf der Landstraße von Gröningen oder von Adersleben her nähert, sollte wissen, daß er sich auf historisch sehr interessantem Boden bewegt: Kommt man aus südlicher Richtung, liegt links vor dem Dorf, auf die Bode zu, der Hirtenberg (108 m). In dieser Gegend wird seit langer Zeit Kies abgebaut. 1976 wurde dort ein Gräberfeld der Glockenbecherkultur entdeckt und durch Grabungen des Halberstädter Museums gesichert. Diese Begräbnisstätte könnte vor mehr als 4.000 Jahren entstanden sein (2.300 bis um 2.000 v.u.Z.)

Am entgegengesetzten Ende des Dorfes liegt an einem Bodeknie der Pfingstberg. Dort wurde zu Beginn des unseres Jahrhunderts ein Steinkistengrab der Kugelamphorenkultur (etwa 2.600 bis 2.300 v.u.Z.) geborgen. Dazwischen also liegt die Gemeinde, die 1136 in einer Schenkungsurkunde von Albrecht d. Bär erstmals erwähnt wurde. Damals hieß sie Thidestorp.

Wer heute den Ort überblickt, erkennt noch leicht seine ursprüngliche Gliederung: Von der Bode im Westen her führen die Dorfstraßen leicht bergan ostwärts. Wenn wir also die Ortschaft betreten, mündet zuerst von links ein breiter Weg zwischen dem Friedhof und der ersten Häuserzeile in die Hauptstraße ein. Er heißt Beckerberg, denn von Bodeufer an überwindet er tatsächlich einen kleinen Berg, an dem sich die Bäckerei der Familie Becker befand. Die Familie besteht hier bis heute noch. Gegenüber beginnt die Leipziger Straße, die nach einer alten Heerstraße benannt wurde, die hier in West-Ost-Richtung verlief und da die Bode überquerte. Wir tun gut, dieser Straße, die zunächst nach Osten, alsbald aber wieder nach Nordwesten verläuft, zu folgen. Die Gehöfte vermitteln uns ein für den ganzen Ort typisches Bild: große Bauernhöfe neben mittleren Wirtschaften und Häusern von Arbeitern oder Gewerbetreibenden. Wo die Straße ein Knie macht, im Dorf spricht man vom Leipziger Platz, und der breite Weg nach Heteborn führt, entsteht gegenwärtig im "Dorferneuerungsprogramm" ein Kinderspielplatz. In nordöstlicher Richtung zweigt hier jedoch ein Weg ab, der die Bezeichnung Erdfallweg führt. Er wurde nach einem Naturereignis benannt, das sich am 29. Mai 1798 bei einem Gewitter zwischen Deesdorf, Gröningen und Dalldorf zugetragen hat. Dort war, einem Brunnenschacht vergleichbar, die Erde plötzlich eingebrochen. Das Loch hatte einen Durchmesser von 8 bis 10 Fuß und eine Tiefe von 172 Fuß (1 Fuß = 31,385 cm). Augenzeugen berichten, daß die Erdschichten deutlich erkennbar waren wie bei einem Borloch. Auch die Flur am Ende dieses Weges ist nach diesem Vorgang benannt worden.

In südwestlicher Richtung steigt das Gelände zum Speckberg (195 m) an. In dieser Flur liegen die fruchtbarsten Felder der Gemeinde und der ganzen Gegend. Von dieser Erhebung geht aber auch Gefahr aus: Bei plötzlicher Schneechmelze oder bei starken Regenfällen richteten sogenannte Feldfluten schon wiederholt große Schäden an. Besonders schlimm soll es nach einem Wolkenbruch am 17. Mai 1889 gewesen sein.

Wir gehen nun nach Nordwesten, wieder zur Hauptstraße zurück; diese führt nach rechts bergan nach Gröningen. Rechts davon ist ein jüngerer Ortsteil, die Siedlung. Die älteren Deesdorfer nennen sie "Karlsstraße", weil drei Hauseigentümer Karl hießen.

Gegenüber von uns mündet die Hinterstraße ein, wir gehen aber auf der Hauptstraße nach links, um zur Kirche zu gelangen. Von rechts kommt hier die Mittelstraße aus der Bodeniederung herauf. Diese Straße ist besonders hochwassergefärdet. Wenn der Fluß übervoll ist, steht dort das Wasser bis zur Hauptstraße; und das passiert nicht selten.

Wir wenden jetzt unsere Aufmerksamkeit der Kirche, dem Pfarrhaus und der ehemaligen Schule zu: Die im romanischen Stil erbaute Kirche hätte eine separate Führung verdient; aber in diesem Zusammenhang können nur einige Fakten erwähnt werden.

Auf einem Stein in der Nordwand wird das Jahr 1285 genannt. Damals dürften die Anfänge entstanden sein, wahrscheinlich mehr in der Form einer Friedhofskapelle. Eine eigene Pfarrkirche besaß das Dorf seinerzeit noch nicht. Der Turm mit dem Walmdach und den eigenartigen Schallöchern wurde im 14. Jahrhundert erbaut, 1391 erhielt er die erste Glocke. Aus dem Jahre 1483 wird vom Ausbau der Kirche berichtet. Als erster katholischer Pfarrer wird der Mönch Joachim Gunthau erwähnt. Der Übergang zum reformierten Glauben wurde hier schon 1555 vollzogen. 20 Jahre später begann die Führung der Kirchenbücher in der Gemeinde, die besonders familiengeschichtlich aufschlußreich sind. Der ehemalige Kirchhof (Friedhof) ist heute noch gut zu erkennen, und neben dem Eingang der Kirche überraschen den Betrachter alte Grabsteine im Mauerwerk, die bei Reparaturarbeiten verwendet wurden.

Das Innere ist nicht nur typisch für den romanischen Stil, sondern auch für eine echte Dorfkirche. Insbesondere die solide Holzkonstruktion der Prieche verrät noch die Axtschläge des Zimmermannes; aber auch die soziale Schichtung der Dorfbevölkerung spiegelt sich in diesem Sakralbau wider. Als 1512 die Brüstung der Kirche vom ortsansässigen Maler Gerken gestaltet wurde, waren es die namhaftesten Persönlichkeiten, die für die Heiligenbilder posierten und sicher gut bezahlten.

Ein anderes Beispiel ist der Hochaltar von 1693: Als der Sohn des Bauern Balzer Neubauer hier Pfarrer wurde, ließ der Vater diesen Altar neu schnitzen. Natürlich enthält er reichlich Hinweise auf seine Familie. Aus dem Jahre 1612 stammt auch die Orgel, die noch immer funktioniert, wenn auch jetzt mit einem elektrischen Gebläse.

In dieser Kirche sucht man vergeblich nach Hinweisen auf Adelsgeschlechter, Rittergüter oder Domänen; die spielten hier keine Rolle. Ein Ritter Henricus von Deistorp wird letztmals 1260 als Zeuge genannt, aber war wohl nicht mehr hier ansässig. Sechs bis sieben starke Mittel- und Großbauern bestimmten über Jahrhunderte das Gesicht des Dorfes, etwa 30 Kossaten und Häusler, fünf bis sechs Bewerbetreibende und ein Mühlenbesitzer bildeten bis ins 19. Jahrh. den sogen. Mittelstand. Etwa ein Dutzend Leineweber und die gleiche Zahl Einlieger (Tagelöhner, Arbeiter etc.) waren die unterste Schicht, die in den letzten Bänken des Gotteshauses sitzen oder unter der Prieche stehen durfte. Die Vermietung oder Verpachtung von Plätzen in den Kirchen bildete seinerzeit schließlich eine wichtige Einnahmequelle.

Jetzt wird die evagelische Gemeinde von der Pfarre in Gröningen betreut. Das Gebäude war in seiner langen Geschichte mehrmals am Rande des Verfalls, so auch in den 80er Jahren unseres Jahrhunderts wieder. 1992 konnte aber dieser Bau durch die gemeinsame Anstrengung von Kirchen- und Stadtverwaltung gesichert und renoviert werden, wenn auch nicht ganz stilgerecht. Am 15.11.1992 konnte er neu eingeweiht werden.

Auf der anderen Seite der Hauptstraße befindet sich der ehemalige Pfarrhof. Das Pfarrhaus wurde 1583 erbaut, und es zwingt seit Jahrzehnten geistliche und weltliche Instanzen immer wieder zum Nachdenken darüber, wie es der Nachwelt erhalten werden kann. Unzureichende Werterhaltungsmaßnahmen und der enorm gewachsene Durchgangsverkehr haben zu schlimmen Schäden an diesem schönen Fachwerkhaus geführt. 1882 waren bereits der Stall und die Scheune des Pfarrhofes abgerissen worden. Das dritte sehens- und erhaltenswerte Gebäude ist nahe der Kirche die ehemalige Schule, die 1662 erbaut wurde. Bis nach 1970 wurde hier unterrichtet. Zuerst fand hier Abteilungsunterricht statt, zum Schluß leistete sie Zubringerdienste für Gröningen. Danach wurde hier der Kindergarten eingerichtet und bis 1990 unterhalten. Nun treffen sich in diesen Räumen regelmäßig die Rentner in einem Seniorenklub der Volkssolidarität. Manche Teilnehmer/innen wurde hier einst eingeschult.

Wir gehen von hier aus wieder in die westliche Richtung, durch die Oberstraße bodewärts. Sie führt uns direkt zur steinernen Brücke. Diese Straße erhielt nach 1990 als erste im Ort ein neues Pflaster. 1995 begann im Dorferneuerungsprogramm des Landes Sachsen-Anhalt auch der Ausbau von Mittel- und Hinterstraße sowie des Spielplatzes in der Leipziger Straße.

In der Oberstraße befinden wir uns auf jenem wichtigen Weg, der im Mittelalter große Handelsplätze und Städte verband, der also eine Heerstraße war. Deshalb war es auch nur natürlich, daß sich da Gewerbetreibende und auch große Bauern ansiedelten. Am unteren Ende der Straße, rechts, parallel zum Fluß, befindet sich das Grundstück Nr. 22, das zur Oberstraße gehört. Hier befand sich über Jahrhunderte der "Zehnthof", auf dem die Dorfbewohner ihre Abgaben für das Stift "Unser Lieben Frauen" zu Halberstadt abzuliefern hatten, das in Deesdorf seit 1367 den Zehnten erheben durfte. Im Volksmund wird dieses Objekt "Abrahams Hof" genannt. Von den Gebäuden ist leider nur noch eine Scheune erhalten geblieben.

1988, das sei an dieser Stelle auch angemerkt, haben die Einwohner von Deesdorf mit einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung ihre Haushalte an die zentrale Trinkwasserversorgung sowie an eine Abwasserleitung angeschlossen, die hier in biologische Klärbecken mündete. Damit ersparten sich die Bürger nach 1990 die erheblichen Anschlußkosten für ihre Grundstücke. Die Wiesen zwischen der Straße am westlichen Ortsrand und dem Fluß hatten für die Einwohner lange Zeit eine zentrale Bedeutung: Wo jetzt z. T. nur Obstbaumveteranen und -ruinen stehen, befand sich eine schöne Plantage. Unter diesen Bäumen feierte man bis in unser Jahrhundert die großen kirchlichen Feste, aber auch weltliche.

Ehe wir uns aus dem Dorf verabschieden, das am 1. Februar 1975 ein Ortsteil von Wegeleben wurde, möchte ich noch auf die ehemalige Mühle aufmerksam machen. Über rund 300 Jahre war sie mit dem Wasser der Bode auf Gedeih und Verderb verbunden. Wenn wir das Anwesen betrachten wollen, das heute der Familie Hans Jürgen Lindemeyer gehört, müssen wir die z. Zt. leider baufällige Brücke überqueren und dem Weg in der Fließrichtung der Bode ein Stück folgen. Aus dem Jahr 1708 ist bekannt, daß hier Reste einer Mühle im Fluß gefunden worden waren. Im gleichen Jahre erteilte die Regierung in Halberstadt die Erlaubnis, an dieser Stelle eine neue Mühle zu errichten. Ihre Entwicklung verlief dann recht wechselhaft, aber am 8. Februar 1886 wurde sie vom Müllermeister Andreas Sternberg erworden, nach dem sie noch heute im Volksmund "Sternberg-Mühle" genannt wird. Der Vater des jetzigen Besitzers, Heinrich Lindemeyer, hatte da eingeheiratet. Als nach 1960 die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften eigene elektrisch betriebene Schrotmühlen einrichteten, schlug auch für die traditionsreiche Deesdorfer Mühle die letzte Stunde. Herr Lindemeyer übte dann seinen Beruf wenigstens z. T. in der Einrichtung der LPG in Adersleben aus. Nun steht es dem Besucher frei, ob er auf eigene Faust noch einmal durch die alten Straßen geht und die Häuser betrachtet, um dann auf der 1892 vollendeten Durchgangsstraße seinen Heimweg anzutreten oder eine Wanderung anschließt, die entlang der Bode bzw. durch die Wiesen und Felder sehr reizvoll sein kann.

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