Granatsplitter

Hermann Heyer wuchs in Quedlinburg auf. Heute lebt er im wunderschönen Neuseeland.
Er schrieb uns: "Diese Niederschrift zeigt was wir Buben, nicht alle, damals so gesammelt haben."


 
Hermann Heyer - Granatsplitter


Die Quedlinburger Garnison hatte ihren Schießplatz auf der Hammwarte. Wir Buben sind dort meistens Samstag hingegangen, unter dem Zaun durchgeschlüpft und haben hinter den Schießscheiben im Sand nach den Geschossen gewühlt. Für uns waren es sehr wertvolle Souvenirs da man mit ihnen andere Dinge eintauschen konnte!

Dann kam der Krieg und plötzlich waren Granatsplitter gefragt. Dabei handelte es sich um Splitter der
Flakgranaten die in den Großstädten in den Himmel gefeuert worden um die feindlichen Flugzeuge abzuwehren.

Ein neuer Schüler kam in unsere Klasse, er kam aus Osnabrück, seine Eltern hatten ihn nach Quedlinburg zu seinen Großeltern geschickt. Osnabrück hatte gleich am Anfang des Krieges mehrere Luftangriffe. Er war der erste Neuzugang in unserer Klasse, dem aber bald noch weitere aus gleichen Gründen folgten. Er hatte mehrere Flaksplitter mitgebracht. Und wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus denn plötzlich war eine ganz andere Situation entstanden. Ich wollte auch einen Flaksplitter haben und bot ihm ein kleines Taschenmesser, worauf er auch einwilligte. So kam ich zu meinem ersten winzigen Splitterchen!

Es dauerte noch einige Zeit, vielleicht zwei Jahre, bis plötzlich in der Süderstadt auf einem großen Acker eine Bombe gefallen war. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um einen Notabwurf. Ich bin sofort mit dem Fahrrad dorthin gefahren, die Bombe war am Nachmittag gefallen. Ich war nicht mehr in der Schule, und habe angefangen im Trichter nach Splittern zu graben. Leider musste ich aber meine Arbeiten bald unterbrechen weil Soldaten vom Fliegerhorst den Trichter untersuchten und mich natürlich verjagten! So suchte ich die Umgebung stundenlang nach Splittern ab, fand aber keinen. Auch am nächsten Tag bin ich noch einmal zu jenem Stadtgebiet rausgefahren und habe noch einmal mehrere Stunden alles abgesucht, auch dieses Mal ohne Erfolg.

Es dauerte wieder einige Zeit bis fast an gleicher Stelle ein Schulungsflugzeug der Luftwaffe dort abstürzte. Die Teile lagen weit verstreut herum und da ich natürlich auch mit bei den Ersten war, die dort eintrafen, konnte ich mir einige Blechteile sowie eine kleines Stück von einer Kupferleitung sichern.

Am nächsten Tag in der Schule war ich der King und bekam von mehreren Seiten Granatsplitter angeboten, denn nun wollte jeder Teile von einem deutschen Flugzeug haben! Ich hatte inzwischen eine kleine Munitionskiste in der ich alle meine Raritäten aufbewahrte. Meine Mutter hatte überhaupt kein Verständnis für meine Sammlerwut, aber ich war ganz stolz auf meine Kiste und räumte sie während des Tages mehrmals aus und ein!

Dann gab es bald eine weitere Wertsteigerung unserer Trophäen. Ein amerikanischer Jagdbomber. Er hatte zwei Rümpfe und musste wahrscheinlich wegen Motorschaden notlanden, wobei jedoch die Maschine zu Bruch ging und der Pilot oder die Piloten darin umkamen. Die Absturzstelle war zwischen dem Luftenberg und dem Heidberg, in der Nähe des Münch-Hofes. Mit dem Fahrrad waren wir bald vor Ort, doch leider war die Absturzstelle vom Militär bewacht. Wir blieben also zunächst im Hintergrund und beobachteten die Stelle ganz genau und stellten bald fest, dass die Soldaten Mittags zum Essen den Platz verließen. So konnten wir uns schnell an die Trümmer heranschleichen und eiligst einige Schrauben, Muttern und sonstige kleine Utensilien abbauen und mit nach Hause nehmen. Diese Teile waren jetzt "Gold wert".

Eine neue Werte-Rechnung hatte jetzt in unserer Klasse begonnen. Viele wollten nun von einem englischen Flugzeug auch ein Teilchen haben und boten dafür wertvolles Spielzeug. So hatte ich bald schienen und eine Lokomotive einer elektrischen Eisenbahn. Es war die Kleinspur von Märklin!

Doch jetzt gab es an einer anderen Front Probleme. Meine Mutter wollte unbedingt wissen wo ich denn plötzlich das ganze Spielzeug her hätte. Sie wollte es absolut nicht glauben dass sich das Spielzeug gegen Splitterschrauben und Kupferteile eines englischen Flugzeuges eingetauscht hatte. Wahrscheinlich nahm sie an, ich hätte mir die Dinge irgendwo organisiert! Es dauerte eine Weile bis sie es dann doch endlich kapiert hatte, dass unter uns Buben derartige Tauschgeschäfte absolut normal waren.

Gegen Kriegsende stürzten in und um Quedlinburg mehrere Flugzeuge ab, amerikanischer und deutsche Flugzeuge. Die Teile von einer amerikanischen Maschine, jetzt wurde schon unterschieden zwischen Jagdflugzeug und vier motorigem Bomber, erbrachten dann noch einmal eine Wertsteigerung der Trümmerteile! Meine Munitionskiste war immer voll und ich konnte mir dafür Dinge eintauschen von denen ich früher nur geträumt habe!

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