Franz Grohmann - Eine Wanderung von Wegeleben nach Adersleben, Teil 1 (1996)

Wir beginnen diese Tour am Marktbrunnen, von dem nicht genau bekannt ist, wann er angelegt wurde. Um 1900, das beweisen alte Fotos, stand hier eine recht altertümliche Pumpe, die an einen Ziehbrunnen erinnerte. Vor 60 Jahren holten von da noch zahlreiche Bürger in die umliegenden Häuser und Straßen das täglich notwendige Wasser. Wenn auch Tiere versorgt werden mußten, war das eine sehr anstrengende Arbeit, die bei jedem Wetter bewältigt werden mußte.

Wir wollen hier auch einen Blick auf den rechten Eingang zum Erdgeschoß des Rathauses werfen: Direkt beim Schloß sind im Holz mehrere kleine Löcher zu erkennen. Sie erinnern an das Ende des II.Weltkrieges in Wegeleben. Einen Tag vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, am 10. April 1945, nachmittags, kam ein Feldwebel mit ein paar Soldaten zum Rathaus und verlangte vom Bürgermeister Albrecht Brinkmann die Herausgabe der im Keller deponierten Waffen. Als diesem Verlangen nicht entsprochen wurde, wollte er das Schloß mit seiner Pistole aufschießen. Das veranlaßte schließlich den Bürgermeister, den Schlüssel herauszugeben.

Beim Verlassen des Platzes möchte ich auf das Eckhaus zur Rechten hinweisen, das jetzt zu einem Friseurgeschäft gehört. Um 1900 befand sich hier die Gastwirtschaft des Ernst Ihlefeld, der eigentlich Lehrer war. Nach dem Tode seines Vaters (1891) hatte er sich für dieses Gewerbe und das Lokal seiner Eltern entschieden, das angeblich viel Zuspruch fand. Ernst Ihlefeld zählte zu den letzten Vertretern dieses Geschlechts in Wegeleben, das seit dem 16. Jahrhundert zu den tonangebenden Familien dieser Stadt gehört hatte.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Giebelwand dieses alten Fachwerkhauses: Man erkennt genau, daß sie wesentlich älter als der übrige Bau ist. Sie zeigt Elemente des romanischen Baustils und ist gewiß älter als das Rathaus.

1987 wurde bei Schachtarbeiten für die Wasserleitung hier, unmittelbar vor der Rathausecke, in ca, 1,20 m Tiefe ein Findling von beachtlicher Größe ausgegraben. Es handelte sich um rötlichen Granit. Ob er zufällig oder absichtlich an diese Stelle transportiert worden war, wird eine offene Frage bleiben.

Von hier aus verläuft ein Teil der Badestraße nach Norden. Im 19. und 20. Jahrhundert waren hier noch Gewerbetreibende und große Bauern seßhaft. Der Besitz des Landwirtes Grützemacher umfaßte die vordere linke Straßenseite, wo danach eine Bäckerei und eine Schlosserei unterkamen. Am Ende der rechten Seite dominierte das große Anwesen der Familie Lesse (Nr. 8), die sich u. a. auf Lohndrusch spezialisiert hatte. Traditionsreich war nahe dabei eine Klempnerei, die zunächst von Adolph Giebeler, später von Arthur John sen. und jun. betrieben wurde. Das Geburtshaus von Dr. h.c. Wilhelm Schmidt (Nr. 7) habe ich in einem anderen Zusammenhang schon beschrieben. Wir biegen jedoch vorher rechts ab in die Kornstraße. Das "Kornhaus" ist freilich nicht mehr erhalten, hat aber dieser Gasse ebenso seinen Namen gegeben wie der Bader der Badestraße. Der Name verrät uns, daß diese schmale Straße in den Anfängen der Stadt eine wichtige Rolle gespielt hat, denn das Vorratshaus war in der ersten Hälfte des zweiten Jahrtausends u. Z. als auch auf dem Lande Hungersnöte nach Mißernten, Naturkatastrophen, Feuersbrünsten, Kriegen usw. keine Seltenheit waren, von großer Bedeutung. Heute kann man den Standort dieses Objektes nicht mehr genau nachweisen. 1988 fanden hier Wasserbaumaßnahmen statt, bei denen das etwas unwegsame Natursteinpflaster leider ganz entfernt wurde.

Die Kornstraße begrenzt nach Norden hin eines der großen Vierecke, in die der älteste Siedlungskern Wegelebens gegliedert ist: Hinter den mehr oder weniger großen Häusern befinden sich Höfe, Gärten und Nebengebäude, aber sehr oft führt kein separater Zugang dahin. Alles muß durch den Hausflur bewegt werden.

Leicht bergab gelangen wir in die Lange Straße, in der die bedeutendsten Ackerbürger und auch Gutsbesitzer bis ins 20. Jahrhundert überwogen. Wo der größte Bauernhof war, steht seit 1994 der Neubau eines Lebensmittel-Marktes mit Bank-Filiale und Wohnungen. Hier gab es früher dazwischen, im Laufe der Zeit wechselnd, unterschiedliche Gewerbe; so z.B. Bäcker, Klempner, Fleischer, Apotheke, Milchladen etc.

Wir bewegen uns nun zielstrebig wieder zur Badestraße, die dann am Bruchtor endet. Rechts führt die Gartenstraße nach Süden, die von der alten Stadtmauer flankiert wird. In der Verlängerung dieser Mauer nach Norden können wir uns das ehemalige Tor mit dem Turm, Fachwerk auf einem Bruchsteinsockel, vorstellen. Im 18 Jh. war der Turm noch vorhanden.

Wenn wir nun den inneren Ring unserer Stadt verlassen, gelangen wir zunächst auf einen freien Platz vor dem Tore. der durch Straßenkreuzungen und -gabelungen entstanden ist. Links mündet die Reihe ein, nach rechts führt die Lange Reise, fast gegenüber beginnt der Hüttensteig, der seinen Namen von der ehemaligen Ratsziegelei hat, zu der er führte, der Steinweg ist die breite Ausfallstraße zur Bode hin, der wir folgen wollen.

Rings um den Platz befand sich traditionell ein Kranz von Geschäften und kleinen Betrieben: Schlosser, Bäcker, Schuhmacher, Fleischer, Gemischtwarenhändler, Gasthaus mit Kegelbahn und Kino, Tankstellen etc. Einige bestehen noch.

Der Steinweg hat seinen Namen nach dem Steindamm, über den er durch das Überschwemmungsgebiet der Bode führt. An der rechten Seite befindet sich das Grundstück Nr. 7, über Generationen Sitz der Zimmermeister Schmidt, die im Rat der Stadt und bei ihrer Gestaltung jahrzehntelang maßgeblich mitgewirkt haben. Das niedrige Gebäude daneben war in der ersten Hälfte des 20. Jh. noch eine Gärtnerei. Die Straße wurde auch in jüngster Zeit immer wieder vom Bodehochwasser überflutet und bedarf daher der ständigen Fürsorge. Sie durchquert ein geschichtsträchtiges Gebiet, den Hopfengarten. Diesen Namen führen links drüben die ehemalige "Hopfengartenmühle" (bis ca. 1850), die vom Goldbachwasser angetrieben wurde, daneben das Schützenhaus, neuerdings aber auch das ehemalige Gasthaus unmittelbar rechts der Straße. Früher hieß es "Kaiserjäger", um 1900 "Zur Brücke", nun ist es schon lange Wohnhaus und wird im Volksmund "Bodehaus" genannt. In dieser Flur befanden sich vor langer Zeit Hopfenanpflanzungen, in denen die unentbehrliche Würze für die ortsansässigen Bierbrauereien produziert wurde. Weil diese Pflanzen jahrhunderte überdauern können, findet man heute noch einzelne Exemplare im Gebüsch an den Wasserläufen.

Über die große steinerne Bodebrücke gelangen wir auf das andere Ufer, das sich auf dem hier ansteigenden Kalksteinrücken des Hakels befindet. Chronisten berichten, daß eine Brücke zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges bereits bestanden habe. Sie war so eng, daß sich auf ihr zwei Fuhrwerke nicht begegnen konnten und entsprach daher dem Verkehr in unserer Zeit überhaupt nicht mehr. 1975 wurde sie deshalb umgebaut - 1802 war in ihrer Verlängerung unter der Leitung von Jakob Hambach, Probst des Klosters St. Nikolaus, auch eine Brücke über den Mühlgraben gebaut worden, die 164 Fuß (ca. 51 m) lang ist. Angesichts der ersten Häuser Bodewehr der ehemaligen Damm-Mühledes

Dorfes Adersleben, das 978 erstmals urkundlich erwähnt wurde, wollen wir noch einen Moment verweilen: Rechts der Fahrbahn liegt etwas tiefer ein Gebüsch auf einer ehemaligen Insel, die vom Mühlgraben und von der Bode umschlossen wurde. Hier befand sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Sportplatz der Stadt; auch Obst war hier angebaut worden. Wer jetzt einen Spaziergang durch das Gehölz wagt, um zum Bodewehr bei der ehemaligen Damm-Mühle zu gelangen, kann noch gelegentlich alte Apfelbäume finden. Als dort vor dem II. Weltkrieg Sport betrieben wurde, befand sich keine hundert Meter oberhalb des Wehres in der Bode das Freibad der Stadt Wegeleben.

Wir wollen hier die Straße verlassen und auf dem Weg, der auf der Krone des Deiches verläuft, zu den ehemaligen Klosteranlagen in Adersleben wandern (weiter zu Teil 2).

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